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16:00 13.03.2020
Zahnärztin Luise Foth behandelt eine Patientin in der Rostocker Praxis ihres Kollegen Dirk Röhrdanz.

Die gute Nachricht vorweg: Den Zähnen der Kinder in Deutschland geht es recht gut. Fast 80 Prozent der Zwölfjährigen besitzen gesunde Gebisse aus bleibenden Zähnen. Das zeigt eine aktuelle Studie, die unter Leitung des Greifswalder Medizinprofessors und Kinderzahnheilkundlers Christian Splieth durchgeführt wurde. Bei den Milchzähnen sieht es aber deutlich schlechter aus: Knapp die Hälfte aller Sechs- bis Siebenjährigen haben Karies. 

Die Rostocker Zahnärztin Luise Foth kann das aus ihrem Arbeitsalltag bestätigen. Die Kinderzahnheilkundlerin arbeitet in der Rostocker Praxis ihres Kollegen Dirk Röhrdanz und hat sich auf die Behandlung kranker Milchzähne spezialisiert. An ihrem Tabletcomputer geht sie Fotos von Kindergebissen durch. Manche der kleinen Zähne haben dort, wo das Zahnfleisch ansetzt, weiße Ränder. „Daran ist eine beginnende Karies erkennbar“, erklärt die 33-Jährige. Grund sind Bakterien, die Säure produzieren. Diese wiederum sorgt dafür, dass Mineralien aus den Zähnen gelöst werden. Derart geschwächt, entwickelt sich an den Zähnen Karies.

Die Zahnärztin zeigt Bilder von Zähnen mit braunen Rändern und Backenzähne, die regelrecht angefressen wirken. Zähne, die dringend behandelt werden müssen. Was aber oft nicht passiert. „Das sind doch nur Milchzähne, die fallen doch ohnehin bald heraus“, benennt Luise Foth ein gängiges Vorurteil, das sie oft in ihrer Praxis hört. „Das ist falsch“, sagt die aus Templin (Brandenburg) stammende Medizinerin.

Verschiedenartige Stahlkronen für erkrankte Milchzähne liegen in einer Schublade. FOTOS (3): DIETMAR LILIENTHA
Verschiedenartige Stahlkronen für erkrankte Milchzähne liegen in einer Schublade. FOTOS (3): DIETMAR LILIENTHA

Denn schadhafte Zähne bleiben oft jahrelang in den Mündern der Kinder, was Konsequenzen für den gesamten Mundraum haben kann: Die Bakterien greifen das Zahnfleisch und nicht selten die anderen Zähne an, oft auch die bleibenden. Bei Verdacht auf Karies sollte zudem unbedingt ein Röntgenbild gemacht werden, um versteckte Schäden zu erkennen.

Die Behandlungsmethoden, die die junge Frau anwendet, überraschen: Sie arbeitet häufig mit Kronen. Die kleinen Stahlkappen für Kinderzähne gibt es in unterschiedlichen Ausführungen. Die Therapie ist denkbar einfach. Oft werden sie auf den erkrankten Zahn gesetzt. Fertig. Ohne Bohren und Abschleifen, ohne Schmerz oder Narkose. Tatsächlich stoppt die Krone den Verfall des Zahns, indem sie die Nahrungszufuhr für die Bakterien unterbricht. Und wo bei Erwachsenen aufwendig jede Unebenheit abgeschliffen werden muss, reguliert sich das formbare Kindergebiss von selbst. „Nach zwei bis drei Wochen ist von der Krone nichts mehr zu spüren.“


Die Kronen-Lösung zieht die Zahnärztin manchmal auch bei kleineren Schäden am Zahn den anderen Behandlungsmöglichkeiten vor. Beliebt seien zum Beispiel bunte Kunststofffüllungen. Mit ihnen hat Luise Foth schlechte Erfahrungen gemacht. „Sie fallen heraus, und darunter geht die Karies weiter.“ Sind Milchzähne zu stark angegriffen, müssen sie mitunter gezogen werden, sagt die Hansestädterin. Sie versorgt in so einem Fall den Nachbarzahn mit einer Metallschleife, die mit einem Platzhalter ausgestattet ist. Der verhindert, dass die entstandene Lücke sich schließt. Denn das könnte negative Auswirkungen für den nachfolgenden bleibenden Zahn haben.

Wird der Milchzahn gezogen, versorgt man den Nachbarzahn mit einer Metallschleife und Platzhalter – hier auf einem Abdruck zu sehen.
Wird der Milchzahn gezogen, versorgt man den Nachbarzahn mit einer Metallschleife und Platzhalter – hier auf einem Abdruck zu sehen.

Gründe für Karies an Milchzähnen ist mangelnde Mundhygiene. „Sobald der erste Zahn da ist, muss geputzt werden“, sagt Luise Foth. Und zwar mit Zahncreme, die Fluorid enthält. „Zweimal am Tag sind ein Muss!“ Außerdem sollten Eltern „nachputzen“, also selber Hand anlegen, weil kleinere Kinder motorisch nicht in der Lage sind, selber alle Zähne zu erreichen. Das gelingt erst ab einem Alter von etwa acht Jahren. Prophylaxe ist grundlegend, das bestätigt auch die Studie des Greifswalders Prof. Christian Splieth für die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege. Deren Ergebnis: Das Zähneputzen ist in den Alltag der Kindertagesstätten zu integrieren.

Die Ursachen für Karies sind bekannt. Die für eine andere häufig auftretende Erkrankung hingegen nicht: die sogenannten Kreidezähne. „Gefühlt treten sie heute öfter auf als früher“, sagt Luise Foth. Das Phänomen heißt in der Fachsprache MIH – Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation. „Dabei ist die Bildung des Zahnschmelzes gestört“, erklärt die Expertin. Die Zähne sind empfindlich und drohen zu zerbröckeln. Auch in diesen Fällen können Stahlkronen bei betroffenen Zähnen helfen, erklärt die Rostockerin. Von Matthias Schümann

Schulanfänger betroffen

Die Deutsche Gesellschaft für Jugendzahnpflege lässt regelmäßig den Gesundheitszustand der Kindergebisse untersuchen. Laut der 2018 veröffentlichten Erhebung haben 78,8 Prozent der Kinder im Alter von zwölf Jahren gesunde bleibende Zähne.
Sechs- bis siebenjährige Schulanfänger haben schadhaftere Zähne: Nur 53,8 Prozent der Kinder besitzen naturgesunde Gebisse mit Milchzähnen.
Bereits 13,7 Prozent der Kinder im Alter von drei Jahren haben mit Karies zu tun.


Eltern sollten helfen

Zähneputzen ist die beste Prophylaxe, mindestens zwei Mal am Tag. „Verwendet werden sollte fluoridhaltige Zahncreme“, rät die Rostocker Zahnärztin Luise Foth.
Eltern müssen nachputzen, also den Kindern helfen, die schwierigen Stellen im Gebiss mit der Zahnbürste zu erreichen.
Schadhafte Stellen sollten mit zahnfarbenen Kunststofffüllungen repariert werden.
Manche Defekte können auch mit Kronen behandelt werden. Es handelt sich um sogenannte konfektionierte Kronen aus Stahl. Diese müssen, anders als bei Erwachsenen, nicht extra für das Gebiss hergestellt werden.
Kinder müssen nicht auf Süßigkeiten verzichten. Wichtig ist jedoch, dass sie nicht ständig konsumiert werden. Bei zeitlich begrenztem Konsum können die Abwehrkräfte des Körpers, etwa der Speichel, aktiviert werden.

Prof. Dietmar Oesterreich, Präsident der Zahnärztekammer MV, in seiner Praxis. FOTO:PRIVAT
Prof. Dietmar Oesterreich, Präsident der Zahnärztekammer MV, in seiner Praxis. FOTO:PRIVAT

Rostock. Trotz Zahnpflege und gesunder Ernährung: Bei Abc-Schützen machen vor allem die Front- und die hinteren Backenzähne Ärger. Es handelt sich um Mineralisationsstörungen – Ärzte sprechen von Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH).

Prof. Oesterreich, signalisieren weiße und gelb-braune Verfärbungen der Frontzähne sowie der ersten vier bleibenden Backenzähne die MIH-Probleme?
Prof. Dietmar Oesterreich: Laut der internationalen MIH-Definition sind im bleibenden Gebiss die ersten bleibenden Backenzähne und die Schneidezähne betroffen. Sie sind oft weißlich bis gelblich-bräunlich verfärbt. Der Grund: Der hypomineralisierte Schmelzbereich enthält weniger Kalzium und Phosphat.

Weltweit haben 15 Prozent der Kinder MIH-Probleme. Wie ist die Situation bundesweit?
Laut der V. Deutschen Mundgesundheitsstudie aus dem Jahr 2016 weisen bundesweit 28,7 Prozent der Zwölfjährigen an mindestens einem Zahn diese Symptome auf.

Betroffene haben Schmerzen, die vergleichbar mit Problemen sind, die bei freiliegenden Nerven auftreten. Wie viele Kinder betrifft dies in der zahnärztlichen Praxis?
Patienten, die Schmelzeinbrüche aufweisen, klagen häufig über sehr empfindliche Zähne. Dadurch werden sowohl Behandlungsmaßnahmen, aber auch die Mundhygiene und die Nahrungsaufnahme eingeschränkt durchgeführt. Bei diesen fünf Prozent der Kinder besteht zahnärztlicher Behandlungsbedarf.

Welche Ursachen hat MIH?
Diskutiert wird in der wissenschaftlichen Literatur, dass es während der Bildung der Zahnhartsubstanz im Umfeld der Geburt bis etwa zum dritten Lebensjahr zu Schädigungen kommt. Dabei werden Infektionskrankheiten, bei denen häufig Antibiotika eingesetzt werden, Schwangerschafts-, aber auch Geburtskomplikationen benannt. Zudem könnten Umwelteinflüsse, zum Beispiel durch die bei der Kunststoffherstellung verwendete Chemikalie Bisphenol A, eine Rolle spielen.

Gibt es Möglichkeiten der Früherkennung?
Derzeit sind weder eine Früherkennung noch eine Prävention der MIH möglich.

Untersuchungen zeigen, dass das MIH-Problem in ländlichen Regionen geringer ausfällt als in städtischen Ballungsräumen. Woran liegt das?
Die Unterschiede waren mit dafür verantwortlich, dass Umwelteinflüsse diskutiert werden. Volker Penne

Zahnschmelz – extrem hart

MIH – der Zahn ist braun verfärbt. FOTO: ARCHIV
MIH – der Zahn ist braun verfärbt. FOTO: ARCHIV

Die Zähne des Menschen bestehen aus verschiedenen Mineralien. Diese werden von bestimmten Zellen während der Zahnentwicklung gebildet. Dieser Prozess beginnt im Mutterleib und endet, wenn der letzte bleibende Zahn durchgebrochen ist. Der Zahnschmelz, die millimeterdicke oberste Schicht menschlicher Zähne, ist das härteste Material, das der Körper produziert.