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Home Sonderthemen Wirtschaft & Umwelt Was Schüler über die DDR wissen: Dort gab es alte Autos, Stasi, Partys – und gute Mopeds
18:19 08.11.2019
Aufgeschlossen und kritisch: Nils Apel (v. l.), Louisa-Marie Freitag, Benny Heiser, Vanessa Wolff und Kenley Mohr von der Regionalen Schule Dassow im Grenzhus Schlagsdorf an der ehemaligen Grenze FOTO: KLAUS AMBERGER

Von Klaus Amberger  

Die DDR hat gute Mopeds hergestellt“, sagt ein Schüler im Grenzhus von Schlagsdorf. Das Grenzmuseum steht am ehemaligen innerdeutschen Todesstreifen. Der Mechower See liegt gleich nebenan. In dem Haus sitzt eine 10. Klasse aus der Regionalen Schule in Dassow im Kreis zusammen. Der Leiter des Grenzhus’, Andreas Wagner, mittendrin. Er fragt die jungen Leute, was ihnen zum Thema DDR einfällt. „Westfernsehen schauen war verboten“, sagt ein anderer Schüler. „In der DDR gab es schlechtere Arbeitsbedingungen als in der BRD.“

Wer war Erich Honecker? Wann endete die Teilung?

Dann stellt Wagner gezielt Fragen. Wann endete die deutsche Teilung? Alle denken nach, einer antwortet 1990. Wann wurde die Berliner Mauer gebaut? Kein Schüler weiß es. Wer war Erich Honecker? Niemand hat eine Antwort. Wagner bindet die Schüler ein, baut einen Zeitstrahl auf, lässt den Nachwuchs schätzen, was wann gewesen sein könnte. Kurz und knapp erklärt er einige Dinge, damit die Klasse nicht mit Daten überfrachtet wird. Aber ist DDR-Geschichte, ist die Grenzöffnung vor 30 Jahren überhaupt für Jugendliche relevant? Das erfährt man, wenn man sich mit Schülern persönlich zusammensetzt.

Es gab viele alte Autos und Partys

Vanessa Wolff (17) sagt: „Es ist interessant, zu sehen, wie es in der DDR lief.“ Nils Apel (17) meint: „Es ist total spannend, wenn mein Opa von der Zeit erzählt, als auf einmal die Grenze auf war.“ Benny Heiser (17) berichtet, dass er viel über seine Eltern erfahre, wenn es um den Mauerfall gehe.

Fast alle Schüler hören Eltern und Großeltern zu, wenn es um die Geschichte jener Tage geht. Sie hören davon, dass es keine Reise-, Presse- oder Meinungsfreiheit gab, dass die Menschen eingeengt wurden. Sie hören aber ebenso, dass nicht alles grau war. Louisa-Marie Freitag (17) berichtet: „Meine Mama sagt, dass viel Party gemacht wurde.“ Vanessa Wolff erzählt: „Mein Oma sagt, dass es damals toll war.“

Und welches Bild haben die Jugendlichen heute von der DDR, die sie nur aus Berichten und vom Unterricht kennen? Kenley Mohr (16) spricht wohl stellvertretend für seine Klassenkameraden: „Wir haben schon eher das Gefühl, dass es in der DDR vor allem viele alte Autos gab, Kontrollen und Stasi.“

Wichtig: Geschichte zum Anfassen

Roswitha Arndt (62) ist Geschichtslehrerin in Dassow. „Ich widme der DDR-Geschichte viel Zeit, weil ich den jungen Leuten vermitteln möchte, dass nicht wieder passieren darf, dass Deutschland geteilt wird.“ Sie setze auf Geschichte zum Anfassen, deshalb fahre sie mit ihren Klassen auch an die ehemalige innerdeutsche Grenze nach Schlagsdorf.

„Ich versuche die ganze Breite des Alltags in der DDR darzustellen – ich selbst komme aus dem ehemaligen Sperrgebiet“, berichtet die Lehrerin. „Ganz wichtig ist, dass man bei der Betrachtung der Geschichte Persönliches von der Sachebene trennt.“ Das habe einen wichtigen Grund: Um nicht eventuell mit zu vielen Emotionen, Erkenntnisse zu seinem gewünschten Bild zu verdrehen. Interessant sei für die Schüler auch die Sicht ihrer Eltern und Großeltern auf jene Zeit, wenn diese aus den alten Bundesländern stammen, erklärt die Dassower Pädagogin.

Rahmenplan Geschichte legt Wert auf Diskussion

Der Rahmenplan für das Fach Geschichte sieht für die Schüler in Mecklenburg-Vorpommern vor: „Die Geschichte der deutschen Teilung und die Geschichte des Kalten Krieges sind zentrale Inhalte der 10. Jahrgangsstufe. Noch vielfach mit aktuellen politischen Bewertungen verbunden, die im Unterricht kontrovers auftreten können, bieten sie eine Möglichkeit zur intensiven politischen Diskussion. Ost- und westdeutsche Lebensläufe und Identitäten sollen dabei verständlich werden.“

Nun ist es den Pädagogen anheimgestellt, die Geschichte der DDR, die zwangsläufig mit der historischen Betrachtung (ergo Bewertung durch Einordnung) der BRD korrespondiert, mit Leben zu füllen. Doch gibt es Themen, die obligatorisch sind. Etwa „Herrschafts­- sicherung und Umgang mit der Opposition in der DDR“ oder „die friedliche Revolution in der DDR“. Allerdings sind für die Behandlung dieser Epoche keine Stundenzahlen festgelegt, sie soll sich auch an den Interessen der Schüler orientieren.

Die meisten Schüler sind neugierig – und kritisch

Ulrich Bongertmann vom Geschichtslehrerverband MV sagt: „Es ist kein Problem, drei Viertel der Schüler für die Geschichte der DDR zu interessieren.“ Zwei Stunden Geschichte pro Woche gebe es von der 6. bis 10. Klasse im Nordosten. Damit könne man zufrieden sein, das Fach sei in den Schulen gut vertreten und gesellschaftlich anerkannt.

Der Pädagoge hat beobachtet, dass die heutige Jugend beim Thema DDR-Geschichte skeptischer und kritischer geworden ist. „Während etwa vor 20 Jahren die Schüler noch alles ihren Eltern geglaubt haben, gleichen sie heute deren Erzählungen aus DDR-Zeiten mit den Fakten ab, die sie im Unterricht kennenlernen.“ Generell sei man jetzt in Deutschland in einer entspannteren Phase, „vieles wird nun, 30 Jahre nach dem Mauerfall, angesprochen und man kann sachlich darüber reden“. Allerdings tritt nun die DDR-Geschichte als Thema auch in Konkurrenz zur Gegenwartsgeschichte: Globalisierung, Terrorismus, Flüchtlinge. „Die vergangenen 30 Jahre sind eine wichtige Etappe.“

Von den Eltern: DDR-Fahne und FDJ-Mitgliedsbuch

In Schlagsdorf sitzen die Schüler noch im Grenzhus zusammen. Viele packen jetzt aus, was sie von ihren Eltern und Großeltern mitgebracht haben und was an die DDR erinnert: Darunter sind ein blauer Personalausweis, ein Jugendweihebuch, eine DDR-Fahne, ein grüner Sozialversicherungsausweis, eine Kampfgruppenmütze, ein FDJ-Mitgliedsbuch, ein grauer NVA-Wehrdienstausweis. Oft lachen die Schüler bei der Präsentation. Dann kommt noch ein Zündschlüssel zum Vorschein – der eines SimsonMopeds. Damals heiß begehrt: „Made in GDR“.

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