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Home Sonderthemen Mecklenburg Von Abschied und Hoffnung
16:31 25.04.2019
Fotos (7): Doreen Bülow

Von Bea Schwarz   
  
Das Kind, erst knapp vier Jahre alt, war wenige Wochen vor Weihnachten gestorben. Die Trauer und der Schock machten die ganze Familie sprachlos. Mutter und Vater, Oma und Opa, Onkel und Tanten. Das Lachen des siebenjährigen Geschwisterkindes war verstummt, wie ausradiert. Bis zu jenem Vormittag im Haus „Waldfrieden“. Als die ganze Familie dort zusammenkam. Um gemeinsam zu trauern und sich von ihrem toten Kind zu verabschieden. Erst da brachen sozusagen die Dämme. Die Familie konnte weinen. Sich erinnern. Über das Kind sprechen, das nebenan aufgebahrt lag. Weinen, erinnern, sprechen! Und – ja – lachen. Über lustige Momente, die sie alle mit diesem kleinen Menschen erlebt hatten. „Vielleicht kann es nun doch noch irgendwie ein schönes Weihnachtsfest werden, für unser großes Kind möchten wir das unbedingt schaffen. Wir sind so dankbar, dass wir uns hier bei Ihnen von unserem verstorbenen Kind auf diese Art und Weise verabschieden konnten“, sagte der Vater zu Kerstin Hexamer, bevor die Familie zurück nach Rostock zur Beisetzung fuhr. „Für uns“, erzählt Kerstin Hexamer sanft, „ist das der schönste Lohn für unsere Arbeit.“ Ihr Mann Ralf nickt bestätigend. Beide strahlen große Ruhe, Wärme und Herzlichkeit aus.


Dieses alte und von den Hexamers in Eigenregie liebevoll sanierte Haus inmitten der Natur, das schon immer „Waldfrieden“ hieß, scheint wie gemacht für seine Aufgabe. Man könnte meinen, nicht die Hexamers hätten das Haus, sondern das Haus hätte die Hexamers gefunden. Damit sie hier trauernden Menschen zur Seite stehen. Auch die beiden haben sich gefunden. Das ist sofort zu spüren. Sie verstehen sich wortlos. Ergänzen sich in ihren Worten. Kerstin und Ralf Hexamer führen ein Bestattungsinstitut, er die Filiale in Rostock-Reutershagen, sie die in Bad Doberan, einer der acht Mitarbeiter jene in Rostock-Lichtenhagen. Ralf Hexamer gründete das „Bestattungshaus Hexamer“ 2006, seine Frau folgte ihrer gemeinsamen Berufung wenige Jahre später. In der Tat sind die gebürtigen Rostocker viel mehr, als man mit dem Begriff „Bestatter“ zumeist verbindet – sie sind helfende Hand, Zuhörer, Berater, Begleiter in der Zeit der Trauer und mit dem TrauerNetz Rostock und Umland e.V..

„...Zeit nehmen, dem Abschied Raum geben“ – das ist die Philosophie hinter diesem Haus im Wald. „Der Familie und/oder den Freunden gemeinsam Raum geben, den Tod des geliebten Menschen zu begreifen, auf ihre eigene, persönliche Art, nach ihren individuellen Wünschen, das möchten wir hier ermöglichen“, sagt Kerstin Hexamer. Als ehrenamtliche Trauerbegleiter haben die Hexamers unzählige Male erfahren dürfen, wie wichtig diese letzte Begegnung mit dem Verstorbenen sein kann. Im Haus „Waldfrieden“ kann man verstorbene Angehörige oder Freunde auch selbst waschen und ankleiden – bis hin zur Einbettung in den Sarg. „Oder einfach dabei sein“, so Ralf Hexamer. Es gibt auch eine Werkstatt, in der Sarg oder Urne liebevoll und individuell bemalt bzw. gestaltet werden können. Wie es vor einigen Wochen jene Enkel taten, die die Urne ihrer verstorbenen Omi kunterbunt und mit ihren Handabdrücken verzierten. Auf dem Hof, unter einem Blätterdach, kann gegrillt werden – vielleicht in Erinnerung an den geliebten verstorbenen Opi, der dies so gern tat...

Kerstin Hexamer: „Es ist immer jemand von unserem Team hier, begleitet und unterstützt die Angehörigen, wenn sie das wollen.“ Die erfahrenen Trauerbegleiter sind auch für die Kinder da, die nochmal einen ganz eigenen Umgang mit Abschied und Trauer haben.

Auf ihrer Internetseite schreiben Kerstin und Ralf Hexamer zum Abschied von einem Verstorbenen im Haus „Waldfrieden“: „...Ja, es werden dabei Tränen rollen und ja, es schmerzt, für immer loszulassen, was man so sehr geliebt und geschätzt hat. So mancher Leser mag nun denken: Das will ich nicht! Ich will keine Tränen und keinen Schmerz aushalten müssen! Doch horchen Sie noch einmal ganz in Ruhe in sich hinein und versuchen Sie, die Begleitung des letzten Weges als eine Erfahrung anzusehen. Eine Erfahrung, die Sie mit dem Rückhalt Ihrer Familie und Freunde machen dürfen...“

Bevor wir fahren, nehmen wir uns noch einen Moment Zeit vor den Sonnenblumen im Garten. Genießen die Natur. Die Ruhe. Die Luft. Die Herzlichkeit der Hexamers. Ein Kranich steigt in den Himmel, zieht einen Kreis über dem Haus und verschwindet hinter dem Horizont. Dann erhebt sich ein zarter, weißer Schmetterling von einer Sonnenblume, flattert um uns herum, als wolle er etwas sagen – und „schwebt“ davon. Wohin auch immer er will, wir alle haben wohl einen Gedanken, ich spreche ihn leise aus: „Gute Reise!“

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