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Home Sonderthemen Grimmen Hilfe für Paare, die gerne Eltern wären
14:29 23.03.2020
Dr. Thomas Külz, einer der Gründer des Kinderwunschzentrums am Klinikum Südstadt in Rostock, ist für Viola Große (l.)) der „Held“. Er konnte mit einer speziellen Diagnostik nachweisen, dass ihr Kind doch nicht behindert sein wird. FOTOS (4): FRANK SÖLLNER
Hanse-Kogge Physiotherapie und Pflege GmbH

Rostock. Kein eigenes Baby zu bekommen – für Patricia Lindemann (29) war diese Vorstellung unerträglich. Mit ihrer drei Monate alten Tochter Tilda auf dem Arm und dem zweijährigen Hanno an ihrer Seite blickt die Mecklenburgerin zurück: „Mein Mann hätte sich vielleicht damit abgefunden, aber für mich war das ein ganz tiefer Wunsch. Ich glaube, so geht es fast jeder Frau.“ Weil es mit einer Schwangerschaft aber partout nicht klappen wollte, suchte das Paar Hilfe im Rostocker Kinderwunschzentrum – dem einzigen in Mecklenburg-Vorpommern.

Unfreiwillig kinderlos, vor dieser Diagnose steht deutschlandweit jedes sechste Paar, erläutert Dr. Heiner Müller. Er hat das Zentrum gemeinsam mit Dr. Thomas Külz und Annette Busecke vor 16 Jahren gegründet. Worin besteht die häufigste Ursache für Kinderlosigkeit?

„In den meisten Fällen liegt das am Alter der Frauen. Während sie früher jung geheiratet und gleich mit der Familiengründung angefangen haben, wollen und müssen sie heute arbeiten gehen“, verdeutlicht Dr. Müller.

Ein eingespieltes Team: Dr. Anja Bossow, Dr. Heiner Müller und Dr. Anne Koenen (v. l.).
Ein eingespieltes Team: Dr. Anja Bossow, Dr. Heiner Müller und Dr. Anne Koenen (v. l.).

Wenn sich Mädchen für ein Studium entscheiden, sind sie damit oftmals erst mit Ende 20 fertig. Ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln – Nachwuchs passt in solche Biografien meist erst vergleichsweise spät hinein. Das Problem, so Dr. Müller: „Die Fertilität, also die Fruchtbarkeit, ist bis zum 20. Lebensjahr ideal, bis zum Alter von 30 Jahren noch gut. Aber bei einer 40-Jährigen ist nur noch ein Drittel aller Eizellen in Ordnung.“ Hintergrund: Die Zellen werden bei Mädchen schon weit vor der Geburt bis zur 20. Lebenswoche angelegt.

Durch Umwelteinflüsse, Alkohol, Nikotin, ungesunde Ernährung und einfach auch durch die Zeit werden viele Eizellen nach und nach unbrauchbar. Eine weitere Hürde beim Wunsch nach einem Kind: Es gibt immer mehr übergewichtige Frauen. Fettleibigkeit aber verringert die Chance, dass eine Frau schwanger wird. Und sie erhöht das Risiko, dass sie ihr Kind verliert und schließlich auch die Gefahr, dass das Neugeborene krank wird.

Bei 40 Prozent aller ungewollt kinderlosen Paare liegt das Problem bei den Männern – so wie im Fall der Familie Lindemann. „Der Arzt konnte damals nicht ein einziges lebendiges Spermium entdecken. Null.“ Ralf Lindemann war vom ersten Spermiogramm völlig frustriert.

Ralf und Patricia Lindemann, die in der Nähe von Schwerin leben, kamen oft zum Zentrumsgründer Dr. Heiner Müller (M.). Sie freuen sich über Hanno (2) und Tilda (3 Monate).
Ralf und Patricia Lindemann, die in der Nähe von Schwerin leben, kamen oft zum Zentrumsgründer Dr. Heiner Müller (M.). Sie freuen sich über Hanno (2) und Tilda (3 Monate).

Der Sport- und Fahrschullehrer stellte seine Ernährung auf gesunde Kost um, ließ sich in Schwerin akupunktieren ... Er brachte nach und nach immer mehr Samenzellen hervor, die dann im Labor direkt in Eizellen seiner Frau eingespritzt werden konnten. Der heute 50-Jährige stellt mit einem Blick auf das Kinderwunschzentrum klar: „Unsere Kinder sind beide hier in diesen heiligen Hallen entstanden.“

Die Ärzte im Rostocker Kinderwunschzentrum, das den Namen „Praxis für Fertilität“ trägt, kümmern sich allerdings nicht nur um künstliche Befruchtungen. Sie behandeln auch Patienten, die beispielsweise nach einer Chemotherapie oder Bestrahlung Angst davor haben, keine Kinder mehr zu bekommen. Um ihnen zu helfen, können unter anderem Ei- oder Samenzellen eingefroren werden. Im Mai des vergangenen Jahres wurde in einem neuen Gesetz festgelegt, dass die Krankenkassen die Kosten dafür übernehmen sollen. Wegen fehlender Regelungen wird sich die Umsetzung aber wohl noch bis zum Jahresende hinziehen.

Auch die Pränataldiagnostik, also alle Untersuchungen an Feten und schwangeren Frauen, wird unter dem Dach dieses Zentrums angeboten. Wie wichtig das ist, hat die Rostockerin Viola Große gerade erst am eigenen Leib erfahren. Lange hatte sie sich vergeblich gewünscht, ein Baby zu bekommen. Als sie dann endlich doch schwanger war, gehörte sie mit über 35 Jahren bereits zur Gruppe der Risikoschwangeren. „Das hat mich natürlich verunsichert und ich wollte alles ganz genau überprüfen lassen“, erzählt die Klavierlehrerin.

Kinderwunsch erfüllt! Im Eingang der Praxis hängen etliche Fotos von Babys, die mit Unterstützung der Experten den Weg in die Welt gefunden haben.
Kinderwunsch erfüllt! Im Eingang der Praxis hängen etliche Fotos von Babys, die mit Unterstützung der Experten den Weg in die Welt gefunden haben.

Um herauszufinden, ob ihr Kind irgendeine Chromosomen-Störung hat, ließ sie auf eigene Kosten einen sogenannten nichtinvasiven Prenataltest (NIPT) machen. Als sie das Ergebnis erfuhr, brach für sie eine Welt zusammen: „Mir wurde geschrieben, dass das Kind Trisomie 21 haben wird, das sogenannte Down-Syndrom.“ Viele Fragen schwirrten durch ihren Kopf. Was kommt da auf mich zu? Kann ich das überhaupt schaffen? Will ich das Kind trotzdem bekommen?

Um den Befund überprüfen zu lassen, schickte das Humangenetische Institut Viola Große ins benachbarte Kinderwunschzentrum. Der Blick der braungelockten Frau geht irgendwohin ins Nichts, als sie erklärt: „Man hatte mir keinerlei Hoffnung gemacht, dass dabei etwas anderes herauskommt als bei dem ersten Test. Ich wollte das einfach nur hinter mich bringen.“

Sie landete bei Dr. Thomas Külz. Dieser hat sich schon 1985, damals als Angestellter der Universitätsfrauenklinik, auf hochauflösende Ultraschalluntersuchungen spezialisiert.

Auf einer metergroßen Leinwand hatte sie plötzlich Bilder von dem kleinen Wesen in ihrem Bauch vor sich, das aller Wahrscheinlichkeit nach schwer krank sein würde. Die Frau denkt zurück: „Es hat sich bewegt, man konnte den Kopf sehen, die Finger …“

Eine quälende halbe Stunde lang sprach der Mediziner gar nicht, schüttelte immer wieder den Kopf. Dann endlich sagte er: „Wenn es diesen Befund nicht gäbe, würde ich gar nicht weitersuchen.“ Weitere Untersuchungen belegten schließlich: Der NIPT hatte ein falsches Ergebnis geliefert – was bei der Diagnose Trisomie 21 in nur einem von tausend Fällen vorkommt. Doch Viola Große ist froh, dass ihr Kind zu diesen 0,1 Prozent gehört. Im Juli soll es nun geboren werden. Von Katja Bülow 

Während es gang und gäbe ist, bei unerfülltem Kinderwunsch auf Samenbanken zurückzugreifen, wenn keine Spermien des Mannes verfügbar sind, ist es in Deutschland bisher verboten, gespendete Eizellen einzusetzen.

Ein Verbot, das dazu führt, dass Paare nach Tschechien oder Dänemark reisen, um sich dort helfen zu lassen, so Dr. Heiner Müller. Hierzulande fehle ein modernes Gesetz für die Reproduktionsmedizin. Ohnehin beklagt der Mediziner, dass die Arbeit auf diesem strukturell und personell sehr anspruchsvollen Gebiet nur unter extrem großem bürokratischen Aufwand möglich sei.

Nicht umsonst hätten die Kinderwunschzentren in Stralsund, Schwerin, Greifswald und Neubrandenburg nacheinander aufgegeben, sodass seine Praxis heute die einzige in Mecklenburg-Vorpommern ist.

Köln. Eine repräsentative YouGov-Umfrage im Auftrag der DEVK Versicherungen bestätigt, dass rund 20 Prozent der Deutschen keine Kinder bekommen möchten. Etwas mehr als die Hälfte aller Befragten hat bereits mindestens ein Kind. Der Anteil mit zwei oder mehr Kindern ist dabei höher (33 Prozent). In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen hat jeder Zweite einen Kinderwunsch, aber noch keine konkreten Familienpläne. 

Jahrelang haben sich Patricia und Ralf Lindemann ein Kind gewünscht – eine schwere Zeit. Patricia Lindemann fiel es schwer, mit anzusehen, dass immer mehr ihrer Freundinnen Mütter wurden. Und auch die gut gemeinten Fragen der Familie, wann es bei ihr so weit wäre, machten das Warten nicht leichter. Schließlich entschied sich das Paar, mit offenen Karten zu spielen, erzählte der Familie von ihrer Situation und bat, nicht mehr nachzufragen – eine gute Entscheidung, versichern die beiden.

Allen, die in einer ähnlichen Situation stecken, raten sie, die Hoffnung nicht aufzugeben. Geholfen habe dabei das Buch „Gelassen durch die Kinderwunschzeit“ von Birgit Zart. Patricia Lindemann erzählt: „Eine Freundin von mir, der es ähnlich ging, hat in Berlin ein Wochenendseminar mitgemacht, auch das war ein guter Weg.“

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