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Home Sonderthemen Grimmen Balsam für die kranke Kinderseele
15:23 23.03.2020
Schwester Jana Stahl und Oberarzt Michael Liess arbeiten mit dem Therapiebegleithund Bailey in den KMG Kliniken Güstrow auf der Station der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. FOTO: MARTIN BÖRNER

Güstrow. Der Flur ist bunt. Über den Gang trottet ein Golden Retriever. Der Hund bleibt ganz ruhig, obwohl gerade hinter einer der Türen, die von dem Flur abgehen, laut gelacht wird. Hinter der Tür gegenüber findet Unterricht statt. Alltag in der kinder- und jugendpsychiatrischen Tagesklinik am KMG-Klinikum Güstrow.

Auf dem Gang erscheint Michael Liess. Kurze Haare, helles Hemd, die Ruhe in Person. Er ist Leitender Arzt der Tagesklinik und der Institutsambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, so lautet der vollständige Name der Einrichtung. Liess arbeitet in einem großen Team: Ärzte, Psychologen, Spezialtherapeuten, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Kinderkrankenschwestern, Erzieher und Lehrer. Und mittendrin steckt Therapiehund Bailey. Er dient vielen Patienten, die sich in ihre eigene Welt zurückgezogen haben, als Kontaktmedium.

Die Jugendlichen kommen morgens und gehen nachmittags wieder nach Hause. Die Tagesklinik hat 18 Plätze, die immer ausgebucht sind. „Wir sehen einen steigenden Bedarf“, verdeutlicht der Oberarzt. Immer mehr Jugendliche haben emotionale Probleme, die behandelt werden müssen. „Nach unserer Erfahrung werden die von Depression betroffenen Patienten auch immer jünger“, sagt der Mediziner.

Früher seien die Patientinnen und Patienten mit Depression fast ausschließlich in der Pubertät gewesen, Teenager also. Heute bekommt es das Güstrower Team immer mehr mit Neun-, Zehn- oder Elfjährigen zu tun, die depressive Symptome aufweisen.

Liess’ Erfahrung deckt sich mit aktuellen Studien. Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse DAK hat gerade eine Untersuchung veröffentlicht, nach der mehr als ein Viertel der Schulkinder in Mecklenburg-Vorpommern psychische Auffälligkeiten zeigt.

Laut DAK-Report leiden zwei Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 17 Jahren an einer diagnostizierten Depression. Vor allem Mädchen haben Depressionen und Angststörungen. Hochgerechnet insgesamt rund 4700 Schulkinder im Nordosten. Wie kommt es zu der Zunahme?

„Es wird seit einiger Zeit verstärkt auf derartige Erkrankungen geachtet“, sagt Michael Liess. Die zunehmende Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen führt auch zu einer größeren Bereitschaft, ärztliche Hilfe zu suchen – und aufseiten der Ärzte zu häufigeren Diagnosen. Gleichwohl sind die Stigmatisierung und Bagatellisierung von psychischen Erkrankungen noch nicht vorbei.

„Die steigenden Zahlen haben aber auch mit einer Mehrbelastung der Kinder zu tun und mit einer stark veränderten Erlebenswelt“, erklärt der Fachmann. Zum einen wachse der Leistungsdruck an den Schulen. Zum anderen spiele die Mediennutzung eine wachsende Rolle.

Smartphone und Computer führen zu einer Art Dauerüberwachung. „Die Kinder müssen sich präsentieren, darstellen und mit anderen vergleichen“, sagt Liess. Früher fand das während der Schulzeit statt, das Kinderzimmer war geschützt. „Das ist heute nicht mehr so. Ständig gehen Nachrichten ein, ist die Kamera in Betrieb. Es gibt keine Ruhepause“, so der Arzt.

Das hat Folgen für die Psyche. Junge Leute haben vermehrt Schlafprobleme, die Konzentration lässt nach, die Lernfähigkeit in der Schule sinkt. Woraufhin der Druck weiter steigt. „Was wir heute erleben, ist erst der Anfang“, sagt Liess. Hinzu komme ein zunehmend rauer Umgang der Jugendlichen untereinander: Auch Fälle von Mobbing beobachte er häufiger, erklärt der Mediziner. Bis aber die psychischen Probleme und Störungen bei den Ärzten ankommen, dauert es. „Die Patienten kommen zu spät ins System“, betont der Fachmann.

Kinder mit Depressionen oder Angststörungen fallen für gewöhnlich nicht auf, sind eher still als extrovertiert. Im Schulalltag werden sie zum Beispiel schnell übersehen. Im Gegenteil: Die Lehrer sind froh über ruhige Kinder.

Oft sind es die Schulsozialarbeiter, die als Bindeglied zwischen den betroffenen Kindern und den Therapeuten fungieren. Aber auch von Kinderärzten oder den Eltern werden die jungen Patienten in die Tagesklinik geschickt. Die Diagnosen reichen von Angst und Depression über Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bis hin zum Einnässen oder zur Selbstverletzung, wie dem „Ritzen“.

Der Aufenthalt in der Tagesklinik ist geregelt. Er beginnt mit dem Frühstück, mittags wird gemeinsam gegessen, er endet mit dem Kaffeetrinken. Dazwischen gibt es Therapien, eine Theatergruppe, Ergotherapie, Sport und Schulunterricht. Für jedes Kind existiert ein individuelles Therapiekonzept – mit Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie sowie ergänzenden Angeboten, wie tiergestützter Therapie.

Die jungen Leute sind freiwillig in der Einrichtung. Manche vermeiden die Therapie, weil sie ihr Smartphone für den Tag abgeben müssen. Das ist Pflicht in Güstrow. Gewöhnlich sind die Kinder und Jugendlichen aber mit Energie dabei. Und Energie brauchen sie, denn eine Therapie ist anstrengend. Von Matthias Schümann
 

Generell sollte auf Veränderungen geachtet werden: Das Kind lacht nicht mehr und zieht sich zurück, es hat keine Hobbys mehr, die Leistungen in der Schule werden schlechter, Freunde bleiben aus.

Wichtig ist es, mit dem Kind in Kontakt zu bleiben, das Gespräch zu suchen. Gegebenenfalls sollten die Eltern externe Angebote wahrnehmen: Die sozialen Träger und die Jugendämter bieten Beratungen und Erziehungshilfen an, Schulsozialarbeiter sind ebenfalls wichtige Kontaktpersonen.


Laut einer Studie der DAK-Gesundheit zeigen 27 Prozent aller Schulkinder in MV psychische Auffälligkeiten. Zwei Prozent der jungen Leute zwischen zehn und 17 Jahren leiden an einer Depression, 2,3 Prozent unter einer Angststörung.

Mädchen sind dreimal häufiger von Depressionen betroffen als Jungen, und zweimal so häufig von Angststörungen. Betroffen sind etwa 4700 Jugendliche im Nordosten.

Romy Peschel am Alten Hafen in Wismar – hier hält sie sich gerne auf. Foto: Dirk Hoffmann
Romy Peschel am Alten Hafen in Wismar – hier hält sie sich gerne auf. Foto: Dirk Hoffmann

In Mecklenburg-Vorpommern ist es doch am schönsten. Die Mole auf der Insel Poel oder den Hafen in Wismar würde Romy Peschel wohl nur ungern gegen die anderen Regionen Deutschlands eintauschen wollen. Die junge Frau, Jahrgang 1988, liebt die Hansestadt und die Umgebung. Von hier zog es sie als Jugendliche nach Hamburg und Kiel, ehe sie 2016 wieder nach Wismar kam.

„Ich war neugierig auf die Welt und die Großstädte“, blickt Romy Peschel in diesen Tagen zurück. Wismar erschien ihr damals zu klein, wobei sie das aber keineswegs abwertend meint. Nach dem Abitur wollte sie raus und etwas erleben. So wie andere junge Menschen in diesem Alter auch. Peschel besuchte einen Workshop an der Stage-School in Hamburg und begann nach erfolgreicher Bewerbung ein Studium in Gesang, Tanz und Schauspiel. Ein Traum schien in Erfüllung zu gehen, denn sie tanzte schon immer für ihr Leben gern. Bereits als Fünfjährige hatte sie damit begonnen. Auch wenn sich Romy Peschel nach einer Großstadt sehnte, während der Zeit in Hamburg steuerte sie dennoch oft und gerne das eher beschauliche Wismar an, fuhr zu ihren Eltern und Freunden. Und jedes Mal freute sie sich, wenn sie über die A 20 kommend endlich Wismars Silhouette mit der Marienkirche und dem Hafen erblickte.


"Meine Liebe zur Heimat war letztlich stärker und zog mich wieder zurück."


Die Sehnsucht zur Heimat war da, ein Zurück gab es aber erst einige Jahre später. Denn von Hamburg ging es für Romy Peschel zunächst nach Kiel, wo sie Sozialpädagogik studierte und auch nach ihrem Abschluss weiterarbeitete. Dort verbrachte sie insgesamt sieben Jahre. 2016 folgte dann die Rückkehr nach Wismar, wo sie zunächst als pädagogische Mitarbeiterin arbeitete, ehe sie dann später im Jugendförderverein Parchim/ Lübz e. V. als Sozialpädagogin in der Jugendarbeit begann.

Die Rückkehr fiel Peschel aber schwerer als gedacht. Denn einiges hatte sich geändert, auch viele Freunde von damals waren nicht mehr da. Es brauchte seine Zeit, neue Freundschaften entwickelten sich. Außerdem entdeckte sie ihre nie erloschene Liebe für das Tanzen wieder neu. Romy Peschel schloss sich der Free Dance Tanzschule in Wismar an.


Außerdem gibt sie selbst seit einem halben Jahr in der Jugendhilfe einmal in der Woche einen Tanzkurs. Dabei handelt es sich um eine kleine Gruppe von sechs Mädchen, wie sie erzählt. Ihr ist es wichtig, dass die Jugendlichen hier ihre eigenen Ideen einbringen. „Musik und Tanz können auch Brücken der Verständigung schlagen“, so Peschel. „Es macht mir einfach Spaß“, meint die junge Frau, die sich gerne über ihre berufliche Tätigkeit hinaus engagiert. So arbeitet sie zum Beispiel in dem europäischen Projekt „Influencers“ mit. Es befasst sich mit gesellschaftlicher Teilhabe und zielt darauf hinaus, grenzüberschreitend jungen Menschen neue Perspektiven in ihrer Mobilität zu eröffnen. Konkret geht es in dem über zwei Jahre laufenden Projekt darum, die Inklusion junger Menschen mit einer Behinderung oder gesundheitlichen Einschränkungen im Bereich der Online-Medien zu fördern. Im vergangenen Jahr hatte dazu in Dublin ein Treffen mit Organisationen und Vereinen aus Portugal, Polen, Frankreich, Zypern, Irland und Deutschland stattgefunden. Auch Romy war dabei und vertrat dort zusammen mit einer Kollegin den Jugendförderverein Parchim/ Lübz als einen der Partner vor Ort. Sie fand es sehr spannend und würde gerne auch in diesem Jahr wieder an solch einem Treffen teilnehmen. Romy Peschel ist längst wieder in ihrer alten Heimat angekommen. Wenn sie heute von Mecklenburg und Wismar spricht, dann gerät sie sehr schnell ins Schwärmen. „Wismar hat sich extrem verändert. Der Hafen wurde ausgebaut und die Häuser wurden saniert“, so Peschel. Wismar ist schön geworden und zieht auch viele Touristen an, wie sie meint. Und wenn Freunde von auswärts zu der Sozialpädagogin kommen, dann lädt sie sie auch gerne zu einer kleinen Tour durch die Stadt ein, zeigt ihnen den Marktplatz und auch die St. Georgen- und die Marienkirche. Für sie stellen die beiden Gotteshäuser besondere Sehenswürdigkeiten dar, die immer einen Besuch wert sind.


Auch für ihre Jogging-Runden muss Romy Peschel die Hansestadt Wismar nicht verlassen. Sie liebt es, am Hafen zu laufen, die frische Luft einzuatmen und einfach mal den Alltag hinter sich zu lassen. Oder am Hafen ein Fischbrötchen genießen. Das ist genau, das was sie mag. „Für mich ist das Entschleunigung“, so Romy Peschel. Manchmal denkt sie dabei auch an die noch größeren Hansestädte des Nordens zurück, wo es sie als Jugendliche hinzog. „Ich war damals einfach noch nicht reif dafür“, so die Rückkehrerin. „Meine Liebe zur Heimat war letztlich stärker und zog mich wieder zurück.“ Es waren in ihren Augen aber dennoch keine verlorenen Jahre. Sie hätten sie geprägt und wären sehr lehrreich gewesen, wie sie selbst meint. Das kommt ihr heute für die in Wismar anstehenden Aufgaben zugute. DIRK HOFFMANN

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