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Home Sonderthemen Grimmen Greifswalder Arzt heilt verformte Hüften
22:50 28.03.2019
Prof. Georgi Wassilew von der Greifswalder Unimedizin mit einem künstlichen Hüftgelenk. FOTOS (2): CHRISTIAN RÖDEL

Von Werner Geske 

Greifswald. Wenn die Bälle auf sein Tor fliegen, ist Handballtorwart Sven Rohleder (23) vom SV Einheit Demmin in seinem Element. „Ich schone mich nicht, versuche jeden Ball zu parieren und mache dabei natürlich auch häufig Bekanntschaft mit dem Parkett.“ Jahrelang bereitete dem Sportler der körperliche Einsatz keinerlei Probleme.

Im vergangenen Sommer änderte sich das plötzlich. „Laufen, springen und fallen gingen gar nicht mehr. Auch bei meiner Arbeit als Kfz-Mechatroniker hatte ich in der Hüfte derartige Beschwerden, dass ich mich entschloss, zum Arzt zu gehen“, erinnert sich der Freizeitsportler.

Der Arzt schaute sich den Patienten genau an und kam zu der lapidaren Feststellung: „Damit müssen Sie leben!“ Genau das wollte Rohleder aber nicht. Ein Freund gab ihm Ende des Jahres einen Tipp. Er möge sich doch an Prof. Dr. Georgi Wassilew, seit Dezember 2018 Direktor für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie an der Universitätsmedizin Greifswald, wenden.

Dem 38-jährigen Wassilew, der von der Berliner Charité in die Hansestadt kam, eilt der Ruf voraus, ein exzellenter Fachmann für problematische Hüften zu sein. „Deshalb habe ich auf ihn meine Hoffnung gesetzt. Denn dauerhafte Beschwerden wollte ich nicht aushalten“, sagt der Demminer Rohleder.

Sven Rohleder (Mitte) mit Prof. Georgi Wassilew (l.) und Assistenzarzt Dr. Jannis Löchel.
Sven Rohleder (Mitte) mit Prof. Georgi Wassilew (l.) und Assistenzarzt Dr. Jannis Löchel.

Seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. An einem Februar-Montag lag der junge Mann im OP-Saal. Wassilews Diagnose: „Der Schenkelhalsknochen ist zu dick, außerdem ist der Hüftkopf nicht ausreichend von der Pfanne überdacht.“ Deshalb müsse nun die Pfanne so gerichtet werden, dass sie den Hüftkopf vollständig bedeckt, zudem werde der Schenkelhals verschlankt, erklärt der Arzt.

Der Mediziner entwickelte eine Technik, mit der es möglich ist, die Nachbehandlung deutlich zu verkürzen. Der Operateur meißelt die Hüftpfanne so gekonnt aus dem Becken, dass dieses stabil bleibt und eine sofortige Belastung zulässt. Außerdem wird dieser Eingriff muskelschonend, also „minimal-invasiv“, und mit geringem Blutverlust durchgeführt. Die Folge: Der Patient kann rasch mit der Mobilisation beginnen.

Rohleder war erstaunt, dass er schon einen Tag nach dem Eingriff auf Krücken gehen und bereits nach fünf Tagen den Weg über Demmin zur Rehabilitation selbstständig bewältigen konnte. Die Behandlung solcher Hüftdysplasien – angeborene oder erworbene Fehlstellungen und Störungen der Verknöcherung des Hüftgelenks – ist eine Spezialität des in Berlin geborenen Orthopäden.

„Wenn das Hüftgelenk nicht richtig konfiguriert ist, wie zum Beispiel bei Sven Rohleder, treten Schmerzen schon bei jungen Leuten auf“, sagt der Arzt. Mit dieser speziellen Methode, bei der die Gelenkpfanne über den Schenkelhalsknochen gedreht wird, hat Prof. Wassilew bereits aufsehenerregende Erfolge erzielt. Aktuell wird die Technik in dieser Form nur in Greifwald angewendet.

Auch auf anderen Gebieten der Hüft- und Knie-Endoprothetik werden nun an der Greifswalder Orthopädie- Klinik neue Wege beschritten. So wird das Konzept der „schnellen Genesung“ verfolgt, welches sich aus mehreren Bausteinen zusammensetzt. Bei der Implantation des künstlichen Hüftgelenks achtet der Arzt zum Beispiel darauf, dass das Muskelgewebe nicht verletzt wird und so Schmerzen vermieden werden.

„Diese OP wird minimalinvasiv durchgeführt, weil wir den Zugang zum Gelenk zwischen den Muskellücken suchen. Zudem werden Medikamente verabreicht, die starke Blutungen verhindern“, erläutert der Fachmann. Man setze auf eine lokale Schmerztherapie, bei der das Anästhetikum bis zu acht Stunden wirkt. Somit werde das Risiko einer häufig vorkommenden postoperativen Übelkeit aufgrund von starken Schmerzmedikamenten, wie Morphin, reduziert.

Der Operierte sei also quasi schmerzfrei und könne somit schon am Tag nach dem Eingriff mit der Physiotherapie beginnen. Somit ergäbe sich für dem Patienten dadurch ein enormer Zeitgewinn, weil er die physiotherapeutische Behandlung bereits im Krankenhaus intensiv ausnutzen könne, bevor er in die Reha-Klinik verlegt wird.

„Seit Dezember behandeln wir in unserem Haus auch sogenannte Katastrophenfälle, an die bislang nur wenige Ärzte ran wollen“, sagt Georgi Wassilew. Dort, wo durch mehrfache Wechsel der Hüft-Endoprothese oder schwere Unfälle nur noch Fragmente der Hüftpfanne oder des Oberschenkels übrig geblieben sind, sei es kompliziert, eine für den Patienten befriedigende und vor allem schmerzarme Lösung zu finden, meint der Mediziner.

„In derartig schweren Fällen fertigen wir individuell für den jeweiligen Betroffenen maßgerechte Implantate an“, sagt der Experte. Bei dieser Methode werde die Prothese dem Knochen angepasst und damit Rücksicht auf die Anatomie des Patienten genommen. „Das sorgt zum Beispiel dafür, dass die Beinlänge nicht differiert und Schmerzen vermieden werden“, erläutert Prof. Wassilew.

Einem weiteren Problem widmen sich der Mediziner und sein Team mit der Rekonstruktion von Muskelgruppen bei Patienten, bei denen nach einer Hüft-Endoprothesen- Operation der Gesäßmuskel zu stark verletzt wurde. In der Folge hinkt der Betreffende danach und klagt über starke Schmerzen. „Wir ersetzen den Gesäßmuskel, der dafür sorgt, dass wir auf einem Bein stehen können, durch eine Muskelersatzplastik, die wir aus dem Gesäß oder dem Oberschenkel entnehmen“, erklärt der Mediziner.

Prof. Dr. Georgi Wassilew trat im Dezember vergangenen Jahres die Nachfolge des langjährigen Direktors der Orthopädie der Greifswalder Unimedizin, Prof. Harry R. Merk, an. Wassilew wurde in Berlin geboren. Er studierte von 2000 bis 2007 an der Berliner Charité Humanmedizin. 2006 promovierte und 2015 habilitierte der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Der Arzt ist ein Experte für minimalinvasives Operieren künstlicher Knieund Hüftgelenke. Zudem hat er sich auf die sogenannte Fast-Track-Chirurgie in der Endoprothetik und für Wechsel-OPs von Knie- und Hüftgelenken bei massiven Knochen- und Muskeldefekten spezialisiert. Medizinische Schwerpunkte liegen zudem in der Therapie von bakteriell infizierten künstlichen Gelenken und in einem eigens modifizierten Operationsverfahren bei fehlgebildeten Hüftgelenken.

Der Experte erforscht die Entwicklung von digitalen Instrumenten und Systemen zur verbesserten Implantation von Endoprothesen und die optimale Nachsorge.

Die Orthopädie an der Uni Greifwald wurde 1955 gegründet. Jedes Jahr behandeln die Ärzte rund 6000 Patienten ambulant und 3000 stationär.

In Deutschland werden viele künstliche Hüftgelenke eingesetzt – jedes Jahr rund 300 Implantate pro 100 000 Einwohner. Damit belegt die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern in Europa den zweiten Platz nach der Schweiz.

Schmerzender Rücken: Mehr als die Hälfte der Deutschen leidet darunter. FOTO: DPA
Schmerzender Rücken: Mehr als die Hälfte der Deutschen leidet darunter. FOTO: DPA

Lorsch. „Ich hab’ Rücken“ – das ist eine weit verbreitete Klage. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland, rund 61 Prozent, litt im vergangenen Jahr an derartigen Beschwerden. In der Rangliste der schmerzhaften Problemzonen liegt der Rücken damit an der Spitze – deutlich vor Nacken (44 Prozent), Knie (37 Prozent) oder Schulter (32 Prozent). Das belegt eine Umfrage des Marktforschers Dynata im Auftrag der Schön Kliniken in Bayern.

Im Kampf gegen die Schmerzen greifen 42 Prozent der Rückenleidenden zu Medikamenten. Ähnlich hoch ist auch der Anteil jener, die es mit Wärme oder Kälte versuchen (39 Prozent) oder regelmäßig Gymnastik treiben (39 Prozent). Zum Arzt geht dagegen nur jeder Dritte (32 Prozent). Für die Studie wurden im Januar und Februar 2019 rund 3000 Menschen in Deutschland befragt.


Frankfurt/Main. Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Ablagerungen in den Halsschlagadern: Ein Großteil der jährlich 270 000 Schlaganfälle geht auf Erkrankungen der Gefäße oder des Herz-Kreislauf-Systems zurück. Bei 20 bis 30 Prozent der Infarkte bleibt die Ursache dunkel. Ärzte sprechen vom „kryptogenen Schlaganfall“.

Diese verlaufen oft weniger schwer als solche, bei denen die Ursache schnell geklärt werden kann. „Insgesamt haben kryptogene Schlaganfälle eine bessere Prognose als Infarkte mit bekannter Ursache“, so Prof. Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Sie dürften aber nicht weniger ernst genommen werden, weil auch hier die Mangelversorgung eines Gehirnareals zu Hirnschäden führt.


Nach einer Krebserkrankung lief Dörte Stein buchstäblich zurück ins Leben. Sie entdeckte das Walken für sich. FOTO:JULIANE SCHULTZ
Nach einer Krebserkrankung lief Dörte Stein buchstäblich zurück ins Leben. Sie entdeckte das Walken für sich. FOTO:JULIANE SCHULTZ

Von Juliane Schultz 

Kühlungsborn. „Ist das nicht herrlich?“, ruft Dörte Stein. Sie schaut ab und an Richtung Ostsee, während sie den Anstieg zum Bastorfer Leuchtturm in der Nähe von Kühlungsborn erklimmt. „Es ist ein tolles Lebensgefühl, hier vor der Arbeit entlang zu gehen. Und überhaupt ist es schön, morgens schon was für sich getan zu haben.“

Die 47-Jährige hat vor zehn Jahren begonnen, Sport zu treiben. Der Auslöser dafür war ein Vorfall, der die ganze Familie schockiert hatte. Dörte Stein erinnert sich: „Nach der Geburt meines Sohnes bin ich jahrelang nicht zum Arzt gegangen. Ich hatte monatelang Bauchschmerzen. Im Januar 2008 hielt ich es dann nicht mehr aus.“

Die Mutter von zwei Kindern ging zum Hausarzt. Der schickte sie zur Frauenärztin. Noch am selben Tag kam sie in die Klinik. Die Gebärmutter und der Blinddarm wurden entfernt. Es folgten Bestrahlungen und zwei Zyklen Chemotherapie.

„Ich kam teilweise besser mit allem klar als meine Familie. Eigentlich hätten mein Mann und mein damals fünfjähriger Sohn eine Kur gebraucht“, sagt die Kühlungsbornerin. Sie fasste einen Entschluss: „Mein Ziel war es, nie wieder krank zu werden und alles dafür zu tun.“ Dörte Stein wollte sich nicht fallen lassen: „Man weiß einfach, dass man nicht mehr der Mensch ist, wie ihn die Angehörigen vor der Erkrankung kannten.“ Und man lebe nach einem solchen Schicksalsschlag anders. Aber es habe auch keine Selbsthilfegruppe in der Nähe gegeben.

Die Mecklenburgerin sprach Bekannte an, ob sie mit ihnen walken dürfe. Die richtige Entscheidung. Die Bewegung an der Luft und in der Gemeinschaft taten ihrem Körper und ihrer Seele gut: „Dadurch habe ich vielleicht auch keinen Psychologen gebraucht, um alles zu verarbeiten“, resümiert sie nachdenklich.

Der Start erfolgte behutsam. Die Einsteigerin hörte auf ihren Körper. Später schaute sie sich Trainingsvideos an und besuchte einen Kurs unter fachlicher Anleitung. Seit zwei Jahren geht sie ins Fitnessstudio: „Ich habe zusätzlich Muskeln aufgebaut und bin auf Arbeit viel leistungsfähiger geworden.“ Mithilfe eines angelegten Pulsgurtes kann die Trainingsintensität an den Geräten gesteuert werden.

Ihr Traum ist es, noch vor ihrem 50. Geburtstag den Ostseeweg zu bezwingen. Das bedeutet: 50 Kilometer am Stück walken. „Das reizt mich. Ich nehme mir am Jahresanfang immer etwas vor, das ich erreichen will.“ Ihr Ziel für dieses Jahr hat sie fest im Blick. Dörte Stein möchte im Herbst mit den Teilnehmern der OZ-Aktion „Los! Laufen!“ über die Rügenbrücke gehen.

„Wenn ich zwölf Kilometer in einer guten Zeit schaffe, bin ich zufrieden.“ Sie trainiert dreimal pro Woche. Mal allein, mal verabredet sie sich. Mehr Spaß macht es in einer Gruppe. Es mangele ihr nur sehr selten an der Motivation loszugehen, versichert sie. „Manchmal, wenn ich merke, dass ich keine große Lust habe, nehme ich eine Strecke, die ich nicht abkürzen kann – immer den Leuchtturm und die Ostsee im Blick. Wo kann es schöner sein?“

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