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Home Sonderthemen Grimmen Schnell wieder auf die Beine und selbstständig in den Alltag
12:09 17.03.2020
Im Sporttherapieraum der Geriatrie-Tagesklinik des Wolgaster Kreiskrankenhauses bewegen sich die Senioren in der Woche mehrmals, um körperlich aktiv zu können. FOTOS (3): CHRISTIAN RÖDEL

Wolgast. Paul Kaiser badet seine Hände in Kieseln. Behutsam streicht er durch die grauen Steinchen, bestreut mal die linke, mal die rechte Hand. Der Wolgaster sitzt am Kieselbad. Das ist eine Vorrichtung zum Training der sensorischen Fähigkeiten – des Gefühls in seinen Händen. Kaiser ist 83 Jahre alt, hat mehrfach erfolgreich gegen den Krebs gekämpft. Im Altersmedizinischen Zentrum des Kreiskrankenhaus Wolgast wird er buchstäblich wieder auf die Beine gebracht.

Neben ihm steht Stephanie Schmidt, die Koordinatorin der Tagesklinik am Altersmedizinischen Zentrum. Paul Kaiser ist kein Dauergast, er kommt nur für mehrere Wochen täglich auf die Station. „Es geht um Krankheitsverarbeitung“, erklärt Schmidt. „Wir erleben es oft, dass Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt allein nicht richtig klarkommen. Sie trauen sich nichts mehr zu und geraten in eine Pflegebedürftigkeit.“

Paul Kaiser bewegt seine Hände im vorgeheizten warmen Sand. Er ist Patient in der Geriatrie-Tagesklinik in Wolgast.
Paul Kaiser bewegt seine Hände im vorgeheizten warmen Sand. Er ist Patient in der Geriatrie-Tagesklinik in Wolgast.

Doch das Gegenteil ist Ziel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zentrums am Wolgaster Krankenhaus. „Es geht darum, die Krankenhausaufenthalte älterer Menschen zu verkürzen, sodass sie schneller wieder in ihre gewohnte Umgebung zurückkönnen“, sagt Professor Maik Gollasch, der die Abteilung im Kreiskrankenhaus seit dem vergangenen Dezember leitet. Der aus Berlin stammende Arzt ist auch Inhaber des neu eingerichteten, einzigen Lehrstuhls für Geriatrie in Mecklenburg-Vorpommern. Angesiedelt ist der an der Universitätsmedizin Greifswald. Gollasch ist Internist, Spezialist für Geriatrie und Nierenheilkunde sowie medizinische Genetik.

Die mehrfache Befähigung des Mediziners entspricht der Ausrichtung der ganzen Abteilung. „Wir sind ein multiprofessionelles Team“, sagt er. Aufgrund der oftmals vorhandenen Mehrfacherkrankungen der Patienten ist dies auch nötig. Daher arbeiten auf den Stationen Ärzte verschiedener Fachrichtungen, beispielsweise Oberärztin Dr. Anke Darwish, die Neurologin und Geriaterin ist, oder Oberarzt Dr. Marwan Mannaa, der als Internist über Zusatzausbildungen in der Notfall- und Rettungsmedizin verfügt. Zudem sind hier Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Masseure, Logopäden, Pfleger, Sozialarbeiter und Diätassistenten tätig. „So sind wir breit aufgestellt“, sagt Prof. Gollasch. „Denn unser Ziel ist die Entlassung der Menschen in die Selbstständigkeit.

Um dieses Ziel zu erreichen, erfolgt bei Ankunft der Patienten sofort eine komplexe Therapie. „Damit die Menschen nicht schwach werden“, erläutert Gollasch. Bei längerem Liegen setze zum Beispiel schnell Muskelabbau ein. Umso schwerer ist es, wieder auf die Beine zu kommen. „Wir haben jeden Morgen eine Teambesprechung und einmal in der Woche eine große Teamsitzung, während der wir die Behandlungsziele der einzelnen Patienten durchsprechen“, so der Mediziner.


"Unser Ziel ist die Entlassung der Menschen in die Selbstständigkeit."

Prof. Maik Gollasch
Leiter des Altersmedizinischen Zentrums des Kreiskrankenhauses Wolgast


Prof. Maik Gollasch ist Leiter des Altersmedizinischen Zentrums im Kreiskrankenhaus Wolgast.
Prof. Maik Gollasch ist Leiter des Altersmedizinischen Zentrums im Kreiskrankenhaus Wolgast.

Die neue Tagesklinik bereitet die Betroffenen auch auf die Selbstständigkeit vor. „Das ist wie ein Test: Bekomme ich es hin, wieder selbstständig zu Hause zu leben?“, verdeutlicht der Experte. Die Patienten kommen morgens in die Klinik, erhalten medizinische Behandlungen und verbringen gemeinsam den Tag. In einem Gemeinschaftsraum gibt es jede Menge Beschäftigung. Bücherregale, Handarbeiten, Spiele. Dann wird Sport getrieben: Im Stuhlkreis werfen die Teilnehmer einander zum Beispiel einen großen Ball zu.

Arme, Oberkörper und die Reaktionsfähigkeit werden trainiert, außerdem die Lachmuskeln, denn bei allem geht es fröhlich zu. Die Tagesklinik stellt auch die direkte Verbindung zum eigenständigen Leben her. Das organisiert Sozialarbeiterin Beate Köster, „Was uns häufig begegnet, sind schlecht eingestellte medizinische Hilfsmittel“, erzählt sie. Unpassende Rollatoren oder Gehhilfen vom Nachbarn, die die körperliche Situation eher verschlimmern. „Das zweite Hauptproblem ist Isolation.“ Rund um Wolgast existiert viel ländlicher Raum, wo in kleinen Ortschaften die älteren Menschen oft auf sich gestellt sind.

Meist wollen die Patienten aber wieder nach Hause. Und sei es in die Neubauwohnung im vierten Stock ohne Fahrstuhl. „Dann üben wir Treppensteigen“, sagt Stephanie Schmidt. Und Beate Köster macht Mut: Sie weiß, welche Hilfen möglich sind, wo Gelder beantragt werden können, wie Wohnungen behindertengerecht umgebaut werden können. Auch Prof. Gollasch setzt auf umfassende Information und empfiehlt den rechtzeitigen Besuch der Pflege- und Sozialberater in den 18 Pflegestützpunkten des Landes. Matthias Schümann

Schwerin. Vier von zehn Pflegebedürftigen in MV lassen nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) Geld liegen, das ihnen zusteht. Der sogenannte Entlastungsbetrag wurde 2019 nur von 59 Prozent aller Berechtigten im Nordosten in Anspruch genommen, erklärte die TK in Schwerin.

Jedem Pflegebedürftigen, der zu Hause lebt, stehen monatlich 125 Euro zur Verfügung, die zum Beispiel für eine Haushaltshilfe verwendet werden können. Im Jahr sind das 1500 Euro. Um die Kosten erstattet zu bekommen, müssen Betroffene bei der Pflegekasse die Belege einreichen.

Das Land hat im Herbst 2019 eine neue Nachbarschaftshilfe eingeführt. Für diese kann das Geld aus dem Entlastungsbetrag auch genutzt werden. Seit Mitte September 2019 können Menschen Geld bekommen, wenn sie mit ihren pflegebedürftigen Nachbarn spazieren gehen, ihnen vorlesen, den Rasen mähen, sie zum Einkaufen oder zum Arzt begleiten. Bis zu acht Euro pro Stunde und maximal 25 Stunden im Monat können steuerfrei abgerechnet werden.

Aktuell 18 Pflegestützpunkte im Nordosten

In MV existieren 18 sogenannte Pflegestützpunkte. Zudem gibt es Sprechstunden in fünf Orten – Boizenburg, Sternberg, Grimmen, Waren und Gadebusch. In diesem Jahr wird noch ein Stützpunkt in Waren eingerichtet. Die Berater führen nach Vereinbarung auch Hausbesuche durch. Die Fachleute beraten kostenlos, unabhängig und trägerübergreifend.

Landkreis Ludwigslust-Parchim: Garnisonsstraße 1, 19288 Ludwigslust, Tel. ­038 71 / 722 50 94; Putlitzer Straße 25, 19370 Parchim, Tel. 038 71 / 722 50 92; Sprechtag am 1. Mittwoch im Monat auch in Boizenburg am Kirchplatz 1, Stadthaus und in Sternberg Markt 1;

Rostock: Warnow­allee 30, 18107 Rostock, Tel. 0381 / 38 11 507; Erich-SchlesingerStraße 28, 18059 Rostock, Tel. 0381 / 38 11 506;

Schwerin: Am Packhof 2–6, 19053 Schwerin, Tel. 0385 / 545 21 20;

Landkreis Mecklenburgische Seenplatte: Adolf-Pompe-Straße 23, 17109 Demmin, 0395 / 570 87 47 51; Elisabethstraße 6, 17235 Neustrelitz, Tel. 0 39 81 / 2 37 61 01; Woldegker Straße 6, 17033 Neubrandenburg, Tel. 03 95 / 5 70 87 57 51; Sprechtag donnerstags in Waren, Amtsbrink 2;

Landkreis Vorpommern-Greifswald: An der Kürassierkaserne 9, 17309 Pasewalk, Tel. 038 34 / 87 60 25 12; Steinbecker Straße 18, 17489 Greifswald, Tel. 038 34 / 87 60 25 14; Mühlenstraße 18 b, 17389 Anklam, Tel. 038 34 / 87 60 25 10;

Landkreis Nordwestmecklenburg: Rostocker Straße 76, 23970 Wismar, Tel. 038 41 / 30 40 50 82; Börzower Weg 3, 23936 Grevesmühlen, Tel. 038 41 / 30 40 50 80; Sprechtag donnerstags in Gadebusch, Erich-Weinert-Straße 14 / Ärztehaus; Landkreis Vorpommern-Rügen: Marienstraße 1, 18439 Stralsund, Tel. 038 31 / 357 18 02; Gingster Chaussee 5a, 18528 Bergen, Tel. 038 31 / 357 18 04; Gänsestr. 2, 18311; Ribnitz-Damgarten, Tel. 038 31 / 357 18 08; Sprechtag jeder zweite Mittwoch im Monat Grimmen, Bahnhofstraße 12/13;

Landkreis Rostock: Hageböcker Straße 19, 18273 Güstrow, Tel. 038 43 / 75 55 04 21; August-Bebel-Straße 3, 18209 Bad Doberan, Tel. 038 43 / 75 55 04 26

Infos: pflegestuetzpunktemv.de

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