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Home Sonderthemen Grimmen Darm-Untersuchung ist für Männer oft ein Tabu-Thema
09:22 26.03.2019
Prof Markus M. Lerch und Schwester Brigitte Schußmann führen in der Unimedizin Greifswald eine Koloskopie durch. FOTO: UNI
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Von Volker Penne  

Greifswald. Sie sind Mitte 50, fühlen sich gesund und unverwundbar. Von Vorsorgemaßnahmen – beispielsweise der Darmspiegelung (Koloskopie) – haben Sie schon gehört, sehen solche aber für sich selbst als völlig unnötig an. „Selbst wenn die Ehefrau bereits eine solche Untersuchung in Anspruch nahm und den Gatten drängt, sich dem Check zu unterziehen, bleiben viele Männer stur“, berichtet Prof. Dr. Markus M. Lerch aus der Praxis. Der Chef der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin A der Unimedizin Greifswald kennt die Ausreden und häufig gespielte Gleichgültigkeit des vermeintlich starken Geschlechts, wenn es um dieses Tabuthema geht, nur zu gut.

Im Bundesdurchschnitt nutzen nur zwölf bis 15 Prozent der Bürger die Chancen der Darmkrebsvorsorge. Dabei verkennen gerade viele Mecklenburger und Vorpommern die Brisanz des Problems. So unterzogen sich hierzulande beispielsweise im Jahre 2017 lediglich ein Prozent der 213 000 Versicherten der AOK Nordost, die Anspruch auf eine präventive Koloskopie hatten, dieser Untersuchung. Mit der Absenkung des Anspruchsalters – speziell durch die AOK Nordost – nahm die Vorsorgebereitschaft insbesondere hinsichtlich der Beratungsleistungen (siehe Kasten) deutlich zu.

„Das ist auch dringend erforderlich. Denn Darmkrebs ist bundesweit die Krebsart mit einer der höchsten Neuerkrankungszahlen und die dritthäufigste Krebstodesursache“, verdeutlicht Prof. Lerch. Konkret erkranken laut Robert Koch-Institut in Berlin jährlich rund 63 000 Menschen an Darmkrebs, 26 000 sterben daran. Im Nordosten wurden 2016 bei 838 Männern und 548 Frauen Neuerkrankungen festgestellt. Allein das Greifswalder Darmzentrum behandelte im Jahr 90 derartige Fälle und im Jahre 2017 bereits 103. Andererseits erweise sich wie bei keiner anderen Krebserkrankung die Früherkennung mittels Darmspiegelung als wirksam, verdeutlicht der Spezialist.

So wurden bundesweit allein im Zeitraum von 2003 bis 2012 durch Vorsorgekoloskopien bei Patienten bis zu 75 Jahren fast 180 000 Darmkrebserkrankungen verhindert! Zudem verweist der Mediziner auf etwa 41 000 Kolonkarzinome, die früh erkannt werden konnten. Die Heilungschancen in diesen Frühstadien beziffert der Greifswalder Internist auf bis zu 90 Prozent.

Bevor er sich zu einer tödlichen Erkrankung entwickelt, zeigt sich der Dickdarmkrebs oft in harmloseren Vorstufen: Es handelt sich um Darmpolypen, auch als Adenome bezeichnet. Diese Wucherungen der Darmschleimhaut stellen unterschiedlich stark ausgeprägte Vorstufen der Krebsentwicklung dar. Sie können von den Spezialisten bis zu einer Größe von mehreren Zentimetern im Rahmen einer Darmspiegelung abgetragen werden. Prof. Lerch empfiehlt nach einem unauffälligen Check eine erneute Spiegelung nach zehn Jahren. Wurden gutartige Adenome entfernt, sei eine Kontrolle nach fünf, in manchen Fällen auch schon nach drei Jahren nötig.

Er weist er auf sogenannte Intervallkarzinome hin. „Obwohl es sich bei den entfernten Adenomen um gutartige Wucherungen handelt, wird in Ausnahmefällen beispielsweise bereits nach drei Jahren beim Betreffenden Darmkrebs diagnostiziert. Ursache sind wahrscheinlich gelegentlich übersehene Frühkarzinome oder Adenome (weniger als ein Prozent). Etwa ein Drittel der Darmkrebsfälle lassen sich auch durch Vorsorgekoloskopien nicht verhindern“, verdeutlicht der Klinik-Direktor.

In der Praxis werden etwa ein bis fünf Prozent der Polypen – unter anderem aufgrund der ungenügenden Sauberkeit des Darms während der Untersuchung – nicht erkannt. Umso wichtiger sind die Qualitätskriterien für Darmspiegelungen. Dazu zählt, dass der untersuchende Facharzt bei mehr als 20 Prozent der über 55-Jährigen Polypen auffinden muss. Denn das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, steigt im höheren Alter spürbar. Das Durchschnittsalter der von Darmkrebs Betroffenen liegt bei rund 69 Jahren.

Mit Blick auf eine mögliche familiäre Belastung müsse die Früherkennung deutlich früher einsetzen, so Prof. Lerch. Hinsichtlich der hierzulande ausgeprägten Vorsorgemüdigkeit hofft er auf die Wirkung des neuen Einladungsverfahren seitens der Krankenkassen. Ab 1. Juli sollen Anspruchsberechtigte eine regelmäßige Einladung zur Darmkrebsfrüherkennung und zu den damit verbundenen Checks erhalten. „Ich rechne damit, dass dann etwa ein Viertel der über 50-jährigen Frauen und Männer diese Chance nutzen“, so der Hansestädter.

Symptome für Darmkrebs sind Blut im Stuhl, bleistiftdünner Stuhl, starke Gewichtsabnahme sowie Bauchschmerzen. Tückisch: Die Vorstufen des Darmkrebses oder Tumore, die im rechten Dickdarm entstehen, verursachen meist keine Beschwerden. Sie entwickeln sich lange unbemerkt.

Bei Darmkrebs und seinen Vorstufen, sogenannten Polypen, handelt es sich um Gewebewucherungen, aus denen es immer wieder etwas blutet. Diese geringen Blut-Mengen im Stuhl lassen sich mit bloßem Auge nicht erkennen, sind aber durch spezielle Tests nachweisbar. Die Darmspiegelung (Koloskopie) ist die aktuell treffsicherste Methode zur Früherkennung von Darmkrebs. Bei dieser etwa 30 Minuten dauernden Untersuchung wird ein dünnes, schlauchförmiges Untersuchungsgerät (Endoskop) durch den After des Patienten in den Darm eingeführt. An der Spitze des Gerätes befindet sich eine Minikamera. Arbeitskanäle im Endoskop ermöglichen es, Instrumente in den Darm vorzuschieben. Damit können auch Polypen entfernt werden.

Schmerzhafte Darmblähungen werden durch den Einsatz von Kohlendioxid bei der Untersuchung stark reduziert. Zudem kann der Patient den medikamentösen Tiefschlaf wählen – dadurch spürt er die Koloskopie praktisch nicht. Da bei der Spiegelung die Schleimhaut des Dickdarmes mit einer Vergrößerungskamera beurteilt wird, muss der Darm am Vortag des Checks durch Abführmittel und Trinkspüllösung gereinigt werden.

Der Chefarzt für Chirurgie im DRK-Krankenhaus Teterow, Bert Burchett, zeigt einen Zirkular-Stapler zur Behandlung von Hämorrhoiden. Der Mediziner und Schwester Sibille Kostbade bereiten eine Untersuchung vor. FOTO: WERNER GESKE
Der Chefarzt für Chirurgie im DRK-Krankenhaus Teterow, Bert Burchett, zeigt einen Zirkular-Stapler zur Behandlung von Hämorrhoiden. Der Mediziner und Schwester Sibille Kostbade bereiten eine Untersuchung vor. FOTO: WERNER GESKE

Von Werner Geske  

Teterow. Im Laufe ihres Lebens sind 70 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland einmal von dieser Erkrankung betroffen: Das Hämorrhoidalleiden ist gar eine der häufigsten Erkrankungen in den westlichen Industriestaaten. Auch Ralf Neumann aus Rostock (Name von der Redaktion geändert) könnte ein Lied über seine Beschwerden singen. Doch da ihm das Thema peinlich ist, zog er es lange vor, darüber zu schweigen. Selbst seiner Gattin gegenüber offenbarte sich der Büroangestellte erst, als sein Leidensdruck immer größer wurde.

Die knotenförmigen arteriellen und venösen Gefäßknäuel im Afterbereich bereiteten dem 47-Jährigen oft heftige Schmerzen. Erst als seine Frau ihn drängte, endlich einen Arzt aufzusuchen, stellte er sich Bert Burchett (52), Chefarzt für Chirurgie im DRK-Krankenhaus Teterow, vor. „So wie Herrn Neumann verhalten sich viele, die unter Hämorrhoiden leiden. Es dauert oft sehr lange, bis sie zum Arzt gehen“, sagt der Chirurg.

Die blauroten Knoten, die vor allem bei bewegungsarmer Lebensweise, Pressen bei Stuhlgang, chronischer Verstopfung und nach der Pressphase bei Gebärenden entstehen, machen Betroffenen das Leben schwer. Auch deshalb sollten sie nicht zu lange mit einer Untersuchung warteten, weil hinter scheinbar einfachen Beschwerden auch bösartige Erkrankungen stecken können. „Insbesondere kann es sich um Enddarmkrebs, Krebs im Bereich des Analrandes oder des Afterkanals handeln“, nennt Facharzt Burchett Beispiele. Bei seinem Patienten Neumann schließt er solchen Befund aus, doch ein chirurgischer Eingriff sei sehr empfehlenswert, lässt er ihn wissen.

Der Chefarzt und seine neun Mitarbeiter behandeln im Jahr etwa 1500 Patienten stationär. Von ihnen müssen ungefähr 1100 unter das Messer. 110 bis 130 chirurgische Eingriffe werden am After vorgenommen, gut die Hälfte von ihnen an Hämorrhoiden. „Davon sind es in der Regel zwischen 30 und 40 Eingriffe, bei denen Befunde vorliegen, die alle im Afterbereich vorhandenen Hämorrhoiden betreffen, sogenannte zweit- bis drittgradige Befunde. Bei diesen behandeln wir die krankhaft vergrößerten Hämorrhoiden mit einem Verfahren, das schmerzärmer ist als herkömmliche Methoden“, so der Mediziner. Konkret komme ein Zirkularstapler – ein spezielles Rundschneide- und Klammer-Gerät – zum Einsatz.

Bei dem Stapler-Hämorrhoidopexie genannten Verfahren werden die Knoten dritten Grades nicht entfernt, sondern durch ein sogenanntes Schleimhautlifting wieder in ihre natürliche anatomische Position gebracht“, sagt der Arzt. Ein Vorgehen, das viel Erfahrung verlange, betont er.

Etwa 20 bis 30 Eingriffe, so ergänzt Burchett, erfolgten aber weiterhin in der klassischen Technik, bei der die Hämorrhoiden weggeschnitten würden. Das sei die Vorgehensweise, wenn nicht alle im After befindlichen Hämorrhoiden betroffen sind. „In der Regel geht es um drei solcher Gefäßknoten. Das bedeutet, dass da, wo es sich nur um eine oder zwei Hämorrhoiden handelt, kleinere Operationen erfolgen“, sagt Burchett.

Um die von Hämorrhoiden geplagten Patienten betreuen zu können, wurde 2018 in Teterow eine Spezialsprechstunde eingeführt. „Seitdem haben wir einen stetig wachsenden Zulauf, sodass wir im Moment von etwa 400 Patienten im Jahr ausgehen, die uns mit Leiden des Afters ambulant zugewiesen werden“, verdeutlicht der Chirurg. Dies seien natürlich nicht nur Patienten mit Hämorrhoidalleiden. Vielmehr kümmern sich die Ärzte oft auch um Patienten mit Fistelleiden, mit Fissuren, also chronischen Einrissen. Häufige Probleme stellen zudem Entleerungsstörungen beim Stuhlgang und Probleme mit der Kontinenz dar. „Hier gibt es mehrere wirksame Behandlungsmöglichkeiten“, unterstreicht der Fachmann.

Auf Basis wissenschaftlicher Daten hinsichtlich der Vorsorge-Darmspiegelung wurde das Alter für anspruchsberechtigte Männer und Frauen von 55 auf 50 Jahre gesenkt. Männer und Frauen zwischen 50 und 54 Jahren haben einen jährlichen Anspruch auf einen immunologischen Test auf Blut im Stuhl. Bei einem auffälligen Stuhltest besteht der Anspruch auf eine Abklärungskoloskopie. Ansonsten haben Männer ab 50 einen Anspruch auf zwei Koloskopien im Mindestabstand von zehn Jahren. Wird das Angebot erst ab dem Alter von 65 Jahren wahrgenommen, erstattet die Kasse eine Koloskopie. Frauen haben einen Anspruch auf die Koloskopie ab 55 Jahren.

Aufgrund der Tatsache, dass rund 4500 AOK-versicherte Patienten in Mecklenburg- Vorpommern jedes Jahr mit der Diagnose Darmkrebs behandelt werden, hat die größte Krankenkasse hierzulande seit 2017 eine erweiterte Regelung getroffen: Konkret hat die AOK Nordost das anspruchsberechtigte Alter für die Darmkrebsfrüherkennung bei Männern auf 40 Jahre und bei Frauen auf 45 Jahre gesenkt. Das gilt auch für die Koloskopie, also die Darmspiegelung.

Der Effekt: Allein im ersten Quartal 2018 nutzten von den hierzulande nunmehr 270 000 AOK-Versicherten im anspruchsberechtigten Alter 0,5 Prozent die Möglichkeit zur präventiven Koloskopie. Gleichzeitig wurden die umfangreichen Beratungsleistungen viel häufiger in Anspruch genommen.

Die Darmspiegelung erfolgt mit einem Endoskop. FOTO: F. SÖLLNER
Die Darmspiegelung erfolgt mit einem Endoskop. FOTO: F. SÖLLNER

München. Die Darmkrebsvorsorge ist nicht nur wichtig mit Blick auf die Verhinderung folgenschwerer Erkrankungen, sondern rechnet sich auch wirtschaftlich. Dies belegt eine aktuelle Studie von Prof. Dr. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und Prof. Dr. Andreas Sieg, Facharzt für Gastroenterologie in Heidelberg (Baden-Württemberg).

Demnach kann ein deutschlandweites Screening-Koloskopie-Programm und die dadurch erreichte Prävention von Darmkrebs, Einsparungen erzielen, die die gesamten Kosten von Screening und Nachsorge bei weitem kompensieren. Durch die Früherkennung und die Vermeidung von Darmkrebs-Behandlungskosten können durchschnittliche Einsparungen pro Koloskopie von 121 bis 623 Euro erzielt werden, erklären die Fachleute.

Seit Einführung der Vorsorge-Koloskopie als gesetzliche Leistung der Krankenkassen im Jahr 2002 haben bis Ende 2012 rund fünf Millionen Bundesbürger diese Untersuchung in Anspruch genommen. Das erklärt das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung. Auf Basis dieser Studienergebnisse und der verzeichneten Vorsorge-Koloskopien errechnete die Felix-Burda-Stiftung Einsparungen für das deutsche Gesundheitssystem in Höhe von 605 Millionen bis zu 3,1 Milliarden Euro – für den Zeitraum 2002 bis 2012. Jeder in die Vorsorge-Koloskopie investierte Euro zahlt sich somit mit bis zu 3,20 Euro aus.

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