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Home Sonderthemen Wirtschaft & Umwelt Alte Türme künden von der Todes-Grenze
18:52 08.11.2019
Der Beobachtungsturm der Grenzsoldaten der DDR und die erst in den 1980er Jahren errichtete Betonmauer mit ihrem Metalltor in Dassow bei Grevesmühlen wirken Anfang Januar 1990 noch intakt. FOTO: ANGRET HUTH

Von Annett Mainke  

Wer die drei alten DDR-Grenztürme, die es in Nordwestmecklenburg noch gibt, nicht kennt und sich aufmacht, um auf eigene Faust nach ihnen zu suchen, wird in einem Fall zumindest leicht fündig. Eines dieser Überbleibsel alter DDR-Grenzanlagen Richtung Schleswig-Holstein befindet sich direkt an der Bundesstraße 105, hinter der Stadt Dassow, Richtung Selmsdorf. Zu betreten ist der Turm, der sich in Privathand befindet und bisher nicht restauriert oder renoviert wurde, nicht. Als Fotomotiv, im Vorbeifahren oder Vorbeiwandern, eignet er sich.
   

Der alte Grenzturm an der Bundesstraße 105 bei Dassow heutzutage FOTO: MALTE BEHNK
Der alte Grenzturm an der Bundesstraße 105 bei Dassow heutzutage FOTO: MALTE BEHNK

Auf die Frage, wo sich der alte Grenzturm im Wald zwischen Pötenitz und der Lübecker Halbinsel Priwall befindet, reagieren die Männer, die an einer Baustelle an einer Nebenstraße in Pötenitz (Ortsteil von Dassow) stehen, mit einem lapidaren Schulterzucken. „Gibt es da überhaupt noch einen?“, fragt einer von ihnen. Dann zeigt er auf einen Mann, der von einem Hof nebenan hinzukommt: „Wenn es einer weiß, dann er.“ Doch auch dieser Mann schüttelt nur mit dem Kopf. Von dem am der B 105 hinter Dassow weiß er: „Aber hier bei uns im Wald? Nein, da ist keiner mehr.“

Grenzenlos vom Priwall nach Boltenhagen

Am Strand auf dem Priwall, kurz vor Lübeck-Travemünde, kennt sich eine Dame, die dort mit drei Hunden unterwegs ist, besser aus. Sie weist nicht nur auf die Existenz des großen Grenzsteins hin, der sich ein Stück weiter befindet, direkt am Rad- und Wanderweg Richtung Lübeck, „genau dort, wo die ehemalige DDR früher aufhörte und Schleswig-Holstein beginnt“. Sie weiß auch, dass der Grenzturm im Wald noch existiert und auch genau, wie man ihn findet. „Wenn man von Lübeck aus kommt, kurz vor Pötenitz in der scharfen Linkskurve, ist rechts ein kleiner Parkplatz. Von da aus führt ein Weg direkt zu diesem Turm.“
  

Hans Espenschied
Hans Espenschied

Auch auf die Gedenkstele am Strandaufgang macht die Dame aufmerksam. Die Stele gehört zum Projekt Grenzenlos von Lübeck bis Boltenhagen“. Angela Radtke, die in Dassow-Vorwerk wohnt, hat das Projekt vor Jahren initiiert. Auf Stelen, die sich an verschiedenen Punkten innerhalb der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem heutigen „Grünen Band“, das durch Nordwestmecklenburg läuft, befinden, wird an das erinnert, was damals war, auch was passierte: Zeitzeugenberichte und Berichte über diejenigen, die ihr Leben an der Grenze ließen.


Es wäre schön, wenn der Turm saniert und der Öffentlichkeit zugänglich würde.

Hans Espenschied, Vorsitzender des Dassower Heimat- und Tourismusvereins


Das letzte Todesopfer, das die Grenze im Klützer Winkel forderte, war Jörg Martelok. Der Tag, an dem der erst 19-Jährige beim Versuch, von Boltenhagen durch die Lübecker Bucht zu schwimmen, ertrank, konnte nicht genau geklärt werden. Am 22. Mai 1989, gegen 23.30 Uhr, fanden ihn DDRGrenzer, angeschwemmt in Steinbek. Für die Zeit seines Todes wird der 8. bis 10. Mai 1989 angegeben.

Relikt aus vergangenen Zeiten: Dieser Grenzturm steht im Wald bei Pötenitz – lebendiges Grün umarmt Beton. FOTO: ANNETT MEINKE
Relikt aus vergangenen Zeiten: Dieser Grenzturm steht im Wald bei Pötenitz – lebendiges Grün umarmt Beton. FOTO: ANNETT MEINKE

Auf Führungen durch den Wald bei Pötenitz

Der rot-weiß gemusterte Schlagbaum, der im Wald bei Pötenitz den Weg für Autos in Richtung des alten Grenzturms absperrt, ist für Fußgänger leicht zu überwinden. Man geht einfach links daran vorbei. Unweigerlich wandern die Gedanken dabei mit. Hin zu dem Fakt, dass dort, wo man jetzt langgeht, damals kein Wald wachsen durfte. Die Fläche wurde 40 Jahre lang kahl gehalten, um Sicht- und Schussfreiheit für die Grenzsoldaten zu gewährleisten. Auf Führungen, die der Dassower Heimat- und Tourismusverein unter dem Motto „Vom Priwall nach Dassow“ anbietet, wird unter anderem davon berichtet. Auch ansonsten ist jeder, der etwas über die Geschichte des Grenzturms im Wald bei Pötenitz hören will, gut beraten, eine der geführten Wanderungen des Vereins mitzumachen. Zu manchen Gelegenheiten ist auch ein ehemaliger Grenzsoldat, der in Pötenitz wohnt, dabei.
  

Massen von DDR-Bürgern durchqueren mit ihren Autos am 12. November 1989 Schlutup, einen Stadtteil von Lübeck, um in die Innenstadt Lübecks oder weiter nach Hamburg zu fahren. FOTO: LÜBECKER NACHRICHTEN
Massen von DDR-Bürgern durchqueren mit ihren Autos am 12. November 1989 Schlutup, einen Stadtteil von Lübeck, um in die Innenstadt Lübecks oder weiter nach Hamburg zu fahren. FOTO: LÜBECKER NACHRICHTEN

Dass der Grenzturm im Pötenitzer Wald unter Denkmalschutz steht, ist auch dem Dassower Verein zu verdanken. „Es wäre schön, wenn der Turm saniert und der Öffentlichkeit zugänglich würde“, sagt Hans Espenschied, Vorsitzender des Vereins. Doch Gespräche diesbezüglich mit dem Bundesforstbetrieb Trave/ Mölln, dem dieser Turm gehört, haben bisher nicht zum gewünschten Ergebnis geführt.

„Immerhin haben wir zum Tag des offenen Denkmals 2017 einige wertvolle Informationen darüber erhalten, wie das Innere des Turms früher aussah“, sagt Espenschied. Diese Informationen, samt Zeichnungen und Fotos, hat der Verein in einem Flyer verarbeitet. Interessierte können sich auf der Webseite des Vereins melden. Weitere Informationen zu diesem Turm und auch anderen finden sich auf der Webseite www.grenzkommando.de


Nach der Grenzöffnung passiert das erste Auto aus der DDR am Abend des 9. November 1989 den Grenzübergang zwischen Selmsdorf und Schlutup – das Westfernsehen ist live dabei. FOTO: LÜBECKER NACHRICHTEN
Nach der Grenzöffnung passiert das erste Auto aus der DDR am Abend des 9. November 1989 den Grenzübergang zwischen Selmsdorf und Schlutup – das Westfernsehen ist live dabei. FOTO: LÜBECKER NACHRICHTEN

Grenzturm bei Teschow liegt gut verborgen

Der alte Grenzturm auf der Teschower Halbinsel am Dassower See ist auf eigene Faust am schwersten zu finden. Ortsunkundigen kann es leicht passieren, dass sie ihn gar nicht entdecken und unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen.

„Was der Naturschutzbehörde sicherlich nicht unrecht ist, die sich in diesem Gebiet keinen Massentourismus wünscht“, erklärt Marcus Kreft, Bürgermeister der Gemeinde Selmsdorf. Die Gemeinde sei mit der Sanierung dieses Turms bisher auch noch nicht sehr weit gekommen, berichtet er. „Es sind verschiedene Interessen, die dabei berücksichtigt werden müssen, die der unteren Naturschutzbehörde und die des Denkmalschutzes.“

Kreft hofft, dass in naher Zukunft mit der Sanierung des Turms auf Selmsdorfer Gemeindegebiet begonnen werden kann. „Um ihn wenigstens für die Zukunft zu erhalten.“ Doch zu besichtigen wird sicherlich auch dieser Turm – zumindest in der nächsten Zeit – nicht sein.

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